WiWo: Mister Roach, in den vergangenen Jahren war Amerika die Lokomotive der Weltwirtschaft. Jetzt zeigt die US-Konjunktur Zeichen einer Abkühlung. Stehen die USA vor einem Abschwung?
Stephen Roach: Die amerikanische Wirtschaft befindet sich zurzeit in einer Wachstumsrezession. Die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts hat sich von 5,6 Prozent Anfang 2006 auf derzeit unter zwei Prozent zurückgebildet und die Arbeitslosenquote ist gestiegen. (oder wie es Herr Roubini genau gesagt hat: "Zero inflation means weak demand").Der Grund dafür sind die Zinserhöhungen (Zinserheohungen sind immer schlecht fuers Geschaeft...)der US-Notenbank, deren Wirkungen sich vor allem in zinssensiblen Bereichen wie dem Immobilienmarkt zeigen. Dort hat die Krise gerade erst begonnen.(???Erst begonnen oder neigt die Krise dem Ende entgegen...)
WiWo:Viele Beobachter hoffen, dass die Immobilienkrise nicht auf den Rest der Wirtschaft ausstrahlt.
Diesen Optimismus teile ich nicht. Der Rückgang der Bauinvestitionen zieht andere Branchen in Mitleidenschaft, zum Beispiel die Möbelindustrie, die Hypothekenbanken und die Immobilienvermittlung. Darüber hinaus ist mit erheblichen Folgen für den privaten Konsum zu rechnen (Kein Geld = kein Konsum...). Denn die Möglichkeit, wie in den vergangenen Jahren, den Wertzuwachs von Häusern und Wohnungen für Konsumzwecke zu beleihen, ist angesichts der stagnierenden Immobilienpreise nicht mehr gegeben.(Die meisten Menschen haben den Immobilienboom in den USA durch den Verkauf oder die hypothekierung von Aktienbuendeln oder Immobilien angetrieben...manche haben dabei gewonnen, viele dagegen haben dagegen verloren...) Lässt der private Konsum nach, werden auch die Unternehmen ihre Investitionen zurückschrauben. (Naja, das haengt aber auch von der Wirtschaftspolitik der Zentralbank ab...) Die US-Wirtschaft könnte daher 2007 in eine ausgewachsene Rezession rutschen. Die Wahrscheinlichkeit dafür taxiere ich auf 45 Prozent. (Ja, die Wahrscheinlichkeit ist nach P.-V.'s Erachtens, wegen den Wirtschaftsindikatoren, sehr hoch...aber nie vergessen: "Es sind nicht die Zahlen die die Wirtschaft ausmachen sondern es sind die Menschen...)
WiWo:Welche Folgen hätte die Abschwächung der US-Konjunktur für die amerikanische Handels- und Leistungsbilanz?
Sie würde den Importsog bremsen und dadurch zum Abbau des Leistungsbilanzdefizits beitragen. Aber um das Defizit nachhaltig zu verringern, müssen die Amerikaner ihren Konsum langfristig zurückfahren und mehr sparen. Bisher sind wir wegen unserer geringen Sparquote auf den massiven Zufluss von Ersparnissen aus dem Ausland angewiesen, mit denen wir das Defizit in unserer Leistungsbilanz finanzieren.
WiWo:Könnte ein schwächerer Dollar den Abbau des US-Leistungsbilanzdefizits bewerkstelligen?
Die Bedeutung des Dollar zur Korrektur der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte wird überschätzt. Ich halte die Aussage von Wissenschaftlern für falsch, der handelsgewichtete Dollar müsse nur um 20 Prozent abwerten (...nur die unsichtbare Hand des Marktes kennt die Antwort...), um das Ungleichgewicht zu beseitigen. Der Wert der Wareneinfuhr ist derzeit fast doppelt so hoch wie der Wert der Warenausfuhr. Ein schwächerer Dollar allein kann dieses Ungleichgewicht nicht beheben.
WiWo:Asien und Europa haben bisher von dem starken Wirtschaftswachstum in den USA profitiert. Können sich beide Regionen von dem Abschwung in den USA abkoppeln?
Nein. Für eine Abkopplung muss eine Region einen eigenen binnenwirtschaftlichen Wachstumsmotor aufweisen, eine diversifizierte Exportstruktur besitzen und ihre Geld-, Wechselkurs- und Finanzpolitik unabhängig von den USA einsetzen können. Die meisten Länder in Asien und Europa erfüllen diese Bedingungen nicht. In Europa ist der private Konsum noch weit davon entfernt, ein eigenständiger Wachstumsmotor zu sein. Ebenso in Japan und den Schwellenländer Asiens. Die Wirtschaft dort ist ausgesprochen exportabhängig. China beispielsweise erwirtschaftet 35 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts durch Exporte, Japan 14 Prozent. Der wichtigste ausländische Absatzmarkt für beide Länder sind die USA. Kühlt sich die Konjunktur dort ab, trifft dies aber nicht nur China und Japan. Weil andere Länder Asiens stark von der Nachfrage Chinas abhängen, wirkt sich ein Abschwung in den USA über die gesamte globale Lieferkette negativ aus.(Tout a fait mon cher Stephen)
WiWo:Das Produktivitätswachstum in den USA hat sich in jüngster Zeit deutlich verlangsamt. Ist das nur ein konjunkturelles Phänomen?
Die Abschwächung der Produktivität ist bisher vor allem zyklisch bedingt. Aber ich halte es für möglich, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft auch eine strukturelle Verschlechterung einstellt. Denn die Anpassungen der Wirtschaft an die Möglichkeiten der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien dürften bald abgeschlossen sein. Dann könnte das Produktivitätswachstum wieder auf seinen » alten Trend vor der technologischen Revolution zurückfallen.(Die Steigerung der Produktivitaet in den Vereingten Staaten ist hauptsaechlich auf die Verwaltungsmoeglichkeiten der wachsenden Handelsstroeme, Kapital, Waren, flexibilisierung der Dienstleistungen etc. etc. dank der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zurueckzufuehren...)
Wiwo:Die amerikanische Notenbank sieht noch immer Gefahren für die Preisstabilität. Wie berechtigt sind diese Sorgen?
Ich denke, dass Inflation derzeit keine ernste Gefahr für die USA ist. (An sich nicht, aber es haengt davon ab, welche Inflationsziele man in Kauf nimmt...) Die sich abzeichnende Verlangsamung des Wachstums wird den Nachfrage- und Preisdruck auf den Güter- und Arbeitsmärkten verringern. Die Notenbank wird daher im Frühjahr damit beginnen, die Leitzinsen zu senken. Ende 2007 könnte der Zielsatz für Tagesgeld, der aktuell 5,25 Prozent beträgt, bei 4,5 bis 4,75 Prozent liegen. (Hmmm...hier spielen zu viele Parameter eine wichtige Rolle und wuerde mich deshalb ueberhaupt nicht aeussern...Infaltionsziel, Entwicklung der Kapitalstroeme, Wirtschaftswachstum, geopolitische Aenderungen, etc. etc.)
Wiwo:Auch in Japan hat sich das Wachstumstempo deutlich verlangsamt. Ist Nippons Aufschwung schon wieder vorbei?
Es ist noch zu früh, von einem Abbruch des Aufschwungs in Japan zu sprechen. Aber der jüngste Rückgang der Wachstumsraten zeigt, wie schwer es Japan fällt, sich aus der langjährigen Deflation zu befreien. Die Inflationsraten liegen noch immer nahe der Null-Marke und der private Konsum ist im dritten Quartal geschrumpft. Wie in vielen anderen Industrieländern stehen auch Japans Arbeitskräfte unter dem Druck der Globalisierung. Das weltweit zunehmende Arbeitskräfteangebot drückt auf die Löhne, schwächt den Konsum und macht die Wirtschaft der Industrieländer abhängig vom Export. Wenn sich die Konjunktur auf den Auslandsmärkten abkühlt, werden die Schwierigkeiten für Japan noch zunehmen.(Nicht vergessen dass in Japan, und das ist P.-V.s Meinung, die demographische Entwicklung eine extrem wichtige Rolle bei der Wirtschaftsentwicklung spielt)
WiWo:Die Wirtschaft in China wächst dagegen trotz der Bremsmanöver der Regierung weiter mit zweistelligen Raten. Kann China das hohe Wachstumstempo beibehalten?
Chinas Wirtschaft wird weiter kräftig wachsen, aber die Raten werden sich von 11,3 Prozent im zweiten Quartal 2006 auf acht bis neun Prozent Ende 2007 verringern. Der Hauptgrund dafür ist, dass sich die US-Nachfrage nach chinesischen Produkten abschwächen wird.(Folge von siehe oben) Dazu kommen noch die Maßnahmen der Regierung in Peking, die das Wachstum ausbalancieren sollen, indem sie die Investitionen bremsen und den (eigenen?) Konsum (gilt nicht mehr der Spruch "Zuerst das Land, dann das Volk und dann das Individuum...?") ankurbeln. Das ist aus struktureller Sicht zwar zu begrüßen, wird die gesamtwirtschaftliche Dynamik jedoch erst einmal schwächen.
WiWo:Heißt das, dass China die Rolle einer Lokomotive für die Weltwirtschaft noch nicht übernehmen kann?
Dazu ist es noch zu früh. Chinas Wachstum beruht noch zu sehr auf Exporten und Investitionen. Um die Rolle einer Lokomotive für die Welt zu spielen, muss der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt merklich steigen. Um die Größenordnung deutlich zu machen: Der private Konsum in den USA beläuft sich derzeit auf rund neun Billionen US-Dollar, das ist zehnmal mehr als in China.
WiWo:Während sich die Wirtschaft in den USA und Japan abschwächt, gewinnen in Europa die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte die Oberhand. Steht Europa vor einem lang anhaltenden Aufschwung?
Die treibende Kraft hinter der Belebung der Binnennachfrage in Europa sind die Unternehmen, die wieder mehr investieren.(Produktiviteatssteigerung = Erhoehung der Gehaelter = hoehere PP 'Purchasing Power' i.e. Kaufkraft...) Der private Konsum ist dagegen noch immer die große Achillesferse der Konjunktur, das darf man nicht vergessen.
WiWo:Die Wirtschaft in Deutschland wird in diesem Jahr um mehr als 2,5 Prozent wachsen. Hat Deutschland seine langjährige Schwäche überwunden?
Zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich für Deutschland wieder optimistisch. Der Grund dafür ist die Verbesserung der Produktivität in den Unternehmen. Auch die verstärkten Investitionen in die Informations- und Kommunikationstechnologien wirken sich positiv aus, ebenso die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch mehr temporäre Beschäftigungsverhältnisse. In den vergangenen sechs Quartalen hat sich das Wachstum der Produktivität gegenüber dem Trend der vorangegangenen Dekade auf rund 1,8 Prozent verdoppelt. Allerdings ist es noch nicht gelungen, die kräftigen Produktivitätszuwächse in entsprechende Konsumzuwächse umzumünzen. Deshalb bleibt der private Konsum das fehlende Glied in der Kette für einen selbsttragenden Aufschwung.
WiWo:Was muss getan werden, um den privaten Konsum anzukurbeln?
Der Schlüssel liegt in Reformen auf dem Arbeitsmarkt.(Dies ist nur 'eine Antwort' auf ein Meer voller Problemen...) Vor allem die hohen Einstellungsbarrieren und die hohen Kosten, die mit Entlassungen verbunden sind, müssen abgebaut werden.(Die Flexiblitaet i.e. Mobilitaet, im Raum, ist ungluecklicherweise z.Z. noch sehr sehr eingeschraenkt...)
WiWo:Die Regierung von Angela Merkel traut sich da aber ebenso wenig ran wie die Vorgängerregierung von Gerhard Schröder.
Das mag sein. Aber ich betrachte es schon als eine gute Nachricht, wenn sich die Regierung aus der Wirtschaft heraushält und den Unternehmen keine Steine in den Weg legt bei den notwendigen Restrukturierungen. Auch die Erfolge der angelsächsischen Länder in den Achtziger- und Neunzigerjahren kamen nicht etwa durch die radikale Reformpolitik der Regierungen zustande, sondern durch die Restrukturierungen im Unternehmenssektor.(Hhmmm...?!) Das Verdienst der Politiker bestand darin, dass sie sich den Reformen nicht in den Weg stellten. Meine Hoffnung ist, dass sich das in Deutschland wiederholt und das Land zum Vorbild für den Rest des Kontinents wird.
par Pancho Villa
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