Die EZB überzeugt mich nicht...
EIN GESPRÄCH MIT ROBERT A. MUNDELL
Die Gemeinschaftswährung Euro ist zum Jahreswechsel acht Jahre alt geworden. Seit fünf Jahren haben viele Europäer das neue Bargeld in ihren Geldbörsen. Ist der Euro ein Erfolg?
Ich glaube schon, der Euro ist stabil und die zweitwichtigste Währung der Welt. Jedes Unternehmen in den Euro-Ländern hat Zugriff auf einen großen, einheitlichen Kapitalmarkt. Das ist ein Erfolg.
In Deutschland gibt es laut Umfragen immer noch viele Bürger, die sich die D-Mark zurückwünschen.
Die Mark war eine wunderbare Währung mit großen Erfolgen und großem Vertrauen. Sie war damit aber alleine unter den europäischen Währungen. Immer wenn es eine Spekulation gegen den Dollar gab, schoss die Mark nach oben. Deutschland hat in den vergangenen Jahren einen Exportboom verzeichnet. Das hätte den Kurs der Mark enorm nach oben getrieben. Der Euro ist für Deutschland ein wirksames Mittel, Aufwertungen zu begrenzen.
Nicht überall wird der Euro als eine Erfolgsgeschichte gesehen. In Italien gibt es sogar Stimmen für einen Austritt aus dem Verbund, weil die italienische Leichtindustrie wegen des starken Euro immer mehr unter Druck gerät.
Diese Stimmen kommen vor allem aus der Lega Nord, sie finden in Italien aber keine Resonanz. Natürlich gibt es in Italien Sorgen wegen der Aufwertungstendenz des Euro. Aber die Italiener wissen auch, dass ein Ausstieg aus dem Euro die Inflation zurückbringen würde.
Es ist aber eine Tatsache, dass Italien derzeit Jobs exportiert, vor allem nach China. Hat der Euro nichts mit dieser Entwicklung zu tun?
Das ist nicht in erster Linie eine Frage der Wechselkurse. In Italien kostet eine Arbeitsstunde zwischen 15 und 20 Euro, in China 80 Cents. Dieses Problem schaffen Sie mit keinem Wechselkurs aus der Welt. Italien hat ein ähnliches Problem wie Deutschland. Die Arbeit ist teuer, weil sie hoch besteuert ist und praktisch alle Lasten der Sozialversicherung tragen muss. Unternehmer klagen immer über eine zu starke Währung. Abwertungen schaffen aber keine neue Ressourcen, sie bewirken nur eine Umverteilung innerhalb der Volkswirtschaft (Strukturreformen...oder 'The Italian Downward Spiral...?'). So müssen zum Beispiel Rentner für eine Abwertung zahlen, weil ihre Kaufkraft sinkt.
Wie bewerten Sie die Währungspolitik der Europäischen Zentralbank?
Ich habe 2000 für eine klare Begrenzung des Euro-Dollar-Kurses nach unten plädiert, etwa zwischen 90 und 95 Cents. Diese Grenze hätte die Zentralbank explizit ankündigen und verteidigen müssen. Das hätte sich später sehr ausgezahlt. Wenn die Bank einen Boden von 95 Cent angekündigt hätte, hätte sie bei einem steigenden Euro auch eine Obergrenze von 1,15 Dollar einziehen können, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, nur bei einem starken Euro zu intervenieren. ('prophetical advantage' in favour of the ECB...)
Die neunziger Jahre haben gezeigt, dass Interventionen von Zentralbanken wirkungslos verpuffen, weil immense Gelder an den Devisenmärkten zirkulieren.
Das stimmt nicht unbedingt. Man erinnere sich an das Jahr 1998, als elf europäische Länder feste Währungskurse untereinander ankündigten. Gab es eine Spekulation gegen das festgelegte Verhältnis zwischen D-Mark und Franc? Die gab es nicht, nicht einmal in Ansätzen. Die Märkte akzeptierten, dass hier eine klare und glaubhafte Politik formuliert wurde. Es gibt natürlich Voraussetzungen für erfolgreiche Interventionen. Dazu gehörten die Ankündigung eines klaren Wechselkursziels und konzertierte Aktionen aller Partner. Die Europäische Zentralbank hat immerhin Zugang zu rund 500 Milliarden Dollar Währungsreserven. Warum baut man so große Reserven auf, wenn man gleichzeitig darauf insistiert, sie nie nutzen zu wollen?
Gibt es Anzeichen für eine Veränderung der EZB-Politik?
Unter dem ehemaligen EZB-Chef Wim Duisenberg hat es dafür keine Chance gegeben, weil er der Linie der Bundesbank gefolgt ist, wonach Wechselkursschwankungen keine Rolle spielen. Der jetzige Präsident Jean-Claude Triebet glaubt das nicht, den Anstieg des Euro auf über 1,20 Dollar vor zwei Jahren hat er als „brutal" bezeichnet. Aber Trichet muss Glaubwürdigkeit und Kontinuität bewahren. Er allein kann den Kurs nicht radikal ändern.
Das Entscheidungsgremium der EZB ist sehr groß. Wird zu viel geredet und zu wenig entschieden?
Viele Mitglieder des EZB-Direktoriums verhalten sich wie Bürokraten. Sie sind vorsichtig und wollen sich Karrierechancen nicht verderben. Trichet ist sicher fähig zu Führerschaft. Ich weiß aber nicht, wie Trichet denkt. Aber selbst wenn er persönlich für Veränderungen wäre, so glaube ich trotzdem nicht, dass er dafür einen offenen Konflikt in der EZB riskieren könnte. Bisher überzeugt mich die Arbeit der EZB jedenfalls nicht. Aber die EZB erfährt zu wenig Druck von außen, ihre Politik zu verändern.
par Pancho Villa
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