Ökonomen und Politiker fordern immer wieder dazu auf, "die Steuern zu senken und Rigiditäten" zu beseitigen, damit mehr "gespart" und investiert werden könne. Aber in Wirklichkeit herrscht offenbar bereits heute ein Überschuss an "Sparkapital".
"...Alan Greenspan, der Vorsitzende der Federal Reserve, steht vor einem "Rätsel": Das Verhalten der
langfristigen Zinssätze sei ein "conundrum", sagte er vor ein paar Wochen vor dem Kongress. Denn obwohl die Zentralbank die kurzfristigen Zinsen seit dem letzten Sommer achtmal erhöht
hat, sind die langfristigen Zinsen - die für die Geldbeschaffung der Wirtschaft wichtiger sind - nicht gestiegen, sondern gefallen. Die Rendite der zehnjährigen US-Schatzpapiere liegt heute unter
vier Prozent..."
So etwas habe es "noch nie gegeben", sagte Greenspan vor dem Kongress. Denn normalerweise steigen die Zinsen nach einer solchen Kampagne immer an. Das Verhalten der langfristigen
Zinssätze sei das "größte Paradox", das die Weltwirtschaft gegenwärtig kenne, meint Alan Murray, ein Kolumnist des "Wall Street
Journal".
Und Roger Altman, die ehemalige Nummer zwei im Schatzamt unter Clinton, meint, er könne
sich „nicht erinnern, dass die Lehrmeinung der Ökonomen je in einer derart zentralen Frage so mit der Realität kollidiert hat".
Greenspan selber hat seither mehrmals versucht, dem Ursprung des "Rätsels" auf die Spur zu kommen. Zuerst ortete er den Grund des
Phänomens - hauptsächlich - in den Schatzpapierkäufen der ausländischen Zentralbanken. Seit Ende 2001 haben die ausländischen Zentralbanken 43 Prozent der kumulativen US-Ertragsbilanzdefizite finanziert.
Vor allem China und Japan kaufen US-Schatzpapiere in rauen Mengen - trotz des Risikos von Kapitalverlusten, wenn der Dollar sich abwerten sollte. Als Resultat hat sich die Nettoverschuldung der
USA seit 1999 fast verdreifacht (von 1,4 auf 3,7 Billionen
Dollar). Aber dies ist nicht die ganze Antwort. Denn erstens scheinen sich die Käufe der Zentralbanken in jüngster Zeit verflacht zu haben - die Chinesen kauften bereits
letztes Jahr weniger US-Schatzpapiere als im Jahr zuvor -, und zweitens ist das Phänomen der tiefen Zinssätze nicht auf die USA beschränkt.
Der Trend sei weltweit, strich Greenspan bei einem seiner jüngsten Auftritte hervor. In Deutschland beträgt die Rendite der Staatsanleihen heute 3,3 Prozent, in Japan 1,3 Prozent. Die Realzinsen - also das, was nach der Teuerung übrig bleibt -betragen heute weltweit weniger als zwei Prozent
Deshalb die These vom "weltweiten Sparüberschuss". Der erste, der die These formulierte, war Ben Bernanke, ein Fed-Gouverneur, der von
Präsident Bush als Chef des Rats der Wirtschaftsberater nominiert worden ist und als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge Greenspans gilt. Der riesige Anstieg des
US-Ertragsbilanzdefizits (auf eine Jahresrate von inzwischen 780 Mrd. Dollar oder 6,4 Prozent des
Sozialprodukts) sei nicht das Resultat der mangelnden Wirtschaftsleistung der Amerikaner, sagte Bernanke in einer Rede am 10. März, die er
selber als "zugegebenermaßen unkonventionell" bezeichnete, sondern eines "Sparüberschusses" im Ausland (www.federalreserve.gov/boarddocs/speeches). Das Problem sei nicht, dass die Amerikaner zu wenig sparen und investieren würden, sondern dass die Ausländer - in erster
Linie die Asiaten - zu gerne bereit seien, den USA Geld zu leihen. Denn nach der Währungskrise von 1997/98 hätten die asiatischen Länder begonnen, riesige
Währungspolster anzulegen; sie hätten sich bei ihren eigenen Bürgern verschuldet und den Erlös in den USA angelegt. Eine zweite Quelle überschüssigen Sparkapitals sei die Ölpreishausse, die die
Staatskassen Russlands und der arabischen Länder aufgefüllt habe.
"Im Wesentlichen leihen die relativ armen Bürger Chinas und anderer asiatischer Schwellenländer ihr Geld den USA, wo es im Immobiliensektor angelegt wird", fasst Glenn Hubbard, der ehemalige Wirtschaftsberater von Präsident Bush, die Situation zusammen.
Amerika habe praktisch gar keine andere Wahl, als die Gelder zu akzeptieren. Die Asiaten würden einfach zu viel sparen. Tatsächlich sind die Sparraten in China und anderen asiatischen Ländern
sehr hoch. Die chinesischen Haushalte legen im Durchschitt 44 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die
hohe Kante. In Korea sind es 32 Prozent. Über eine Billion Dollar an Spargeldern haben die chinesischen
Bürger angehäuft. In Japan, bei weitem die wichtigste Sparnation der Welt, ist die Sparrate in den letzten zehn Jahren von 18 Prozent auf weniger als sechs Prozent gefallen. Die Japaner sparen heute weniger als die Deutschen und Franzosen (die vermutlich ebenfalls immer
weniger sparen). Und die Amerikaner sparen bekanntlich praktisch gar nichts (durchschnittliche Sparrate 1,1
Prozent).
Es ist also vielleicht nicht ganz richtig zu sagen, die Welt leide an einem "Überfluss an Sparkapital". Was im Überfluss vorhanden ist - vielleicht sogar in China - sind vermutlich nicht die Spargelder der Durchschnittsbürger, sondern das Überschuss-Kapital der Unternehmen und Großkapitalisten.
Die Vermögen der Superreichen (Privatpersonen mit einem Vermögen von mehr als 30 Mio. Dollar) sind
im Jahr 2003 allein in Nordamerika von 2,1 Billionen auf drei Billionen
Dollar gestiegen, wie aus einer Studie von Capgemini und Merrill Lynch hervorgeht.
Ecrire un commentaire - Voir les commentaires - Recommander


Die Ratifikation des
Zentralamerikanischen Freihandelsabkommens (