
Swiss Re will neue Rnanzprodukte entwickeln, die armen Menschen in Entwicklungsländern helfen sollen, sich gegen Klimarisiken abzusichern. In einer ersten Phase soll Kleinbauern in Afrika Versicherung gegen Dürrekatastrophen angeboten werden.
In einem Programm, das Swiss Re im Rahmen der „Clinton Global Initiative" in New York ankündigte, wird der weltgrößte Rückversicherungskonzern mit „Millennium Promise" zusammenspannen, einer von Columbia-Professor Jeffrey Sachs gegründeten gemeinnützigen Organisation, die Afrika helfen will, die so genannten Millennium-Ziele zu erreichen. Beteiligt ist auch ein Klimaforschungsinstitut, das in dem von Sachs geleiteten „Earth Institute" an der Columbia-Universität angesiedelt ist.
Das Ziel des Programms, das im ersten Jahr zirka 1,5 Millionen Dollar kosten soll, ist die Erarbeitung von Klimarisiko-Indizes für die so genannten „Millennium-Dörfer", an deren Beispiel Jeffrey Sachs demonstrieren will, wie die Millenniumziele der UNO erreicht werden können. Rund 80 Dörfer in zehn Ländern mit gegen 600 000 Bewohnern sind involviert.
Die Klimaindizes werden dazu verwendet werden, zu bestimmen, wie hoch das Dürrerisiko in den jeweiligen Regionen ist. Und aufgrund dieser Indizes wird Swiss Re komplexe derivative Finanzinstrumente entwickeln, die internationalen Investoren angeboten werden können. Wenn eine Dürre eintritt, wird den Bauern - bzw. in diesem Fall der Organisation Millennium Promise - eine finanzielle Entschädigung ausbezahlt.
Die Investoren verlieren einen Teil ihrer Zinsen oder ihres Kapitals. Und wenn keine Dürre eintritt, erhalten die Investoren eine hohe Rendite. Ob die Dürre als Schadenfall gilt, wird aufgrund von Satellitenbildern berechnet. Die neuen Instrumente erlauben es also Investoren - in diesem Fall sollen es nur institutionelle Investoren sein, wie Swiss Re sagt -, auf Dürrekatastrophen in Afrika zu spekulieren. Solche Finanzinstrumente haben Swiss Re und andere Finanzfirmen schon seit ein paar Jahren zu entwickeln begonnen. Bekannt sind vor allem die sog. "cat bonds" (Katastrophen-Bonds), die für Orkankatastrophen und andere Extrem-Risiken eingesetzt werden, die konventionell nicht versichert werden können.
Swiss Re ist ein Pionier in diesen Bonds geworden, weil als Folge der Klimaerwärmung die traditionelle Rückversicherung oft problematisch geworden ist. Beim jetzt geplanten Projekt handelt es sich jedoch nicht um eine Obligation, sondern um ein optionsähnliches Derivat.
Swiss Re hat bereits vor drei Jahren erste Finanzinstrumente für die Versicherung von Wetterrisiken in Entwicklungsländern entwickelt. Denn nach Ansicht von Swiss Re nimmt das Klimarisiko in den Entwicklungsländern zu. In Indien hat Swiss Re 280 000 Wetterrisiko-Policen an Kleinbauern verkauft.
Die indische Regierung erlaubte allerdings keine Derivate, sondern schrieb ein konventionelles Versicherungsmodell vor (oft in Zusammenarbeit mit Mikrofinanz-Banken). Und vor kurzem hat Swiss Re mit Hilfe der USA und Dänemarks eine Versicherung gegen extreme Dürrerisiken für Dörfer in Kenia, Mau und Äthiopien lanciert. Der Hauptvorteil der neuen Modelle sei, dass die Risiken vor dem Eintritt des Schadenfalls versichert würden, nicht erst nachher, wie dies bei traditioneller Katastrophenhilfe der Fall sei, sagte Ivo Menzinger, der bei Swiss Re für solch neue Produkte zuständig ist. Denn wenn die Bauern erst nach der Katastrophe entschädigt würden - ob von Regierungen oder Hilfsorganisationen -, hätten die meisten ihre Produktionsmittel bereits verloren.
Eine Versicherung hingegen versetze die Bauern in die Lage, trotz Dürre ihre Werkzeuge zu behalten, Saatgut für die nächste Ernte einzukaufen und auf ihrem Land zu bleiben.

Erste Projekte nach 30-jahriger Pause
Renaissance der Kernkraft in Amerika
Nicht der ,,saubere" Aspekt von Atomstrom, sondern wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend
VON LUZIAN CASPAR
Seit 30 Jahren ist in den USA kein Kernkraftwerk mehr gebaut worden. Doch jetzt reiben sich die Energiekonzerne plötzlich um Bewilligungen für neue Werke. Warum? Das ungeduldig erwartete Gesuch kam aus New Jersey: NRG Energy, ein bisher relativ wenig bekannter Konzern, der Strom auf dem freien Markt verkauft, reichte diese Woche beim US-Energieministerium ein Gesuch für den Bau und Betrieb zweier neuer KKWs ein, beide auf einem bereits bestehenden Areal in Texas.
Es war das erste Gesuch für eine komplette Betriebsbewilligung seit 1976. Bereits im Juli hatte ein anderer Konzern ein partielles Gesuch für den Bau zweier neuer KKW's in Maryland eingereicht. Das Energieministerium hofft jetzt, dass insgesamt etwa 30 Gesuche einflattern werden. Wenn sich dies bestätigen sollte, wäre eine bis vor kurzem für unmöglich gehaltene Renaissance der US-Kernkraftindustrie Tatsache geworden, Weshalb ist die Kernkraft in den USA im Begriff, aus ihrem gut 30-jährigen Dornröschenschlaf zu erwachen?
Der Hauptgrund ist nicht die Klimaerwärmung, die die ,,saubere" Kernenergie in jüngster Zeit für viele akzeptabler gemacht hat, sondern wirtschaftliche Faktoren.
Erstens sind fossile Brennstoffe - hauptsächlich Erdgas, aber auch Kohle und Erdöl - in den letzten paar Jahren sehr viel teurer geworden, und zweitens - dies vor allem - hat die Bundesregierung unter der Bush-Administration eine gewaltige Anstrengung unternommen, den Bau neuer Kernkraftwerke finanziell zu fördern. Das Energiegesetz von 2005 verspricht Energiekonzernen, die bereit sind, neue Kernkraftwerke zu bauen, pro Jahr und Werk bis zu 125 Millionen Dollar an Steuerückvergütungen. Ausserdem gibt es staatliche Kreditgarantien für bis zu 80 Prozent der Baukosten. Und für die ersten sechs Werke, die in Angriff genommen werden, offeriert der Staat eine finanzielle Bürgschaft, falls sich der Bau wegen Einsprachen verzögern sollte. Das Energieministerium und die Nuclear Regulatory Commission -die Behörde, die die Kernkraftindustrie überwacht - haben seit Jahren alles unternommen, um die Kernkraft in den USA wieder zum Leben zu erwecken.
Die Zahl der US-Kernkraftwerke (sie liefern rund 20 Prozent des US-Strombedarfs) ist seit 30 Jahren unverändert bei 104. Das Unglück im Werk ,,Three Mile Island" im Jahr 1979 setzte dem Bau neuer KKWs ein Ende, und die Tatsache, dass das Abfallproblem ungelöst ist, hat die Branche zusätzlich behindert.
Das riesige Atommüll-Lager, das der Bund in Yucca Mountain in Nevada plant, wird statt wie geplant 1998 jetzt frühestens im Jahr 2017 in Betrieb genommen werden konnen, obwohl bereits neun Milliarden Dollar ausgegeben worden sind. Und die Erdgas -und Erdölpreise waren jahrelang so billig, dass die Kernkraft dagegen nicht konkurrieren konnte. Doch jetzt hat sich das wirtschaftliche Kalkül geändert.
Nicht nur wegen der Subventionen, sondern auch wegen der Aussicht, dass Kraftwerke, die Kohle und andere fossile Brennstoffe verbrennen, schon bald einem ,,cap-and-trade"-System unterworfen werden könnten, das die Verschmutzer unter den Energieproduzenten finanziell bestrafen würde.
Einige berühmte Umweltpioniere (zum Beispiel James Lovelock, der Begründer der,"Gaya"-Theorie) sprechen sich heute für die Kernkraft aus, und Kohlberg Kravis und Texas Pacific, die beiden Private Equity-Firmen, die den texanischen Elektrizitätskonzern TXU übernehmen wollen, gewannen die Unterstützung gewisser Umweltschutzorganisationen, weil sie versprachen, geplante Kohlekraftwerke durch KKW's zu ersetzen. Und die Bevölkerung hat oft nichts gegen KKW's. 30 Jahre nach Three Mile Island gelten Kernkraftwerke nicht nur als sauber, sondern auch als sicher.
„Latinos" sollen mit massiven Kampagnen zum Konsum angeworben werden
Hola cliente!
VON LUZIAN CASPAR Der hispanische Markt wird für die US-Unternehmen immer interessanter. Denn die "Latinos" - Einwanderer aus Lateinamerika - sind mit Abstand die grösste Minderheit und die Konsumenten der Zukunft. Der dickste Bund in den vier spanischsprachigen Zeitungen, die in Washington erscheinen, ist der Auto-Teil. Wer sich über die neuesten Automodelle informieren will, die in Europa oder Japan lanciert werden, ist mit den spanischen Zeitungen besser bedient als mit jedem anderen Blatt. Und die Inserate - meist in Farbe - füllen ganze Seiten. Praktisch alle Autos, die zum Verkauf stehen, sind abgebildet - das ganze sieht aus wie ein Fotoroman. Und garniert sind die Inserate von „Mama-citas" - sexy Girls in Bikinis. „Nimm mich mit auf eine Spritztour", lockt eines der Girls.
Wie US-Unternehmen Immobilien oder Autos an oftmals illegale Einwanderer verkaufen
Die großen Autohändler rund um den „Beltway" (Washington's Ringautobahn) verfugen alle über spanisch sprechende Verkäuferteams, und in den Vorortsquartieren, wo die Einwanderer leben, sind Filialen eingerichtet worden, die vor allem Sonderangebote verkaufen wollen. Dabei sind Käufer, die wenig oder gar keine Ersparnisse haben, ausdrücklich willkommen.
"Kein Kredit, schlechter Kredit oder bankrott? Spielt keine Rolle", heißt es in Kreide geschrieben auf den Schaufenstern des Autohändlers Bill Page in Falls Church, einem Vorort von Washington, wo salvadorianische Restaurants, libanesische Metzger und vietnamesische Spezereiläden sich zu dutzenden aneinanderreihen. Denn mit den Abzahlungskrediten, die man den Käufern offeriert, lässt sich oft mehr Geld verdienen als mit den Autos selbst. Viele Händler machen auch klar, dass Käufer, ddie nur eine „Tax ID" haben - also Einwanderer ohne ausreichende Papiere - willkommen seien.
Der Traum jedes Einwanderers aus Mexiko oder Zentralamerika ist ein „Truck" (Kleinlaster) und ein kleines Häuschen, vor dem er sein chromglitzerndes Zugpferd parkieren kann. Denn die Einwanderer sind potenziell patriotischer als alle übrigen Bürger, und der „amerikanische Traum" ist für sie kein Mythos, sondern konkretes Ziel. Dies machen sich die Geschäftsleute zunutze, denn obwohl sie kaum Ersparnisse und meist nur ein schmales Einkommen haben, sind die „Latinos" ein lukrativer Markt.
Neben dem Autogeschäft gilt dies vor allem für den Immobilienmarkt. „Deine Familie verdient es, ihr eigenes Heim zu haben", heißt es in einem Inserat in der Immobilienbeilage des „Tiempo Latino". Und der redaktionelle Teil ist voll von Artikeln, die zeigen, wie glücklich Hausbesitzer sind, und wie man sein Haus schöner möblieren kann. Auch hier lockt man die marginalen Käufer: "100 Prozent Finanzierung! Auch mit schlechtem Kredit! Selbst Bankrott ist kein Problem!" In jüngster Zeit preisen freilich die meisten Inserate so genannte "short sales" an - Verkauf von Häusern, deren Besitzer die Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlen können, zu Preisen, die tiefer liegen als der Wert der Hypothek.
Latinos machen einen guten Teil der Käuferschaft aus, die während des Immobilienbooms so genannte „subprime'-Hypotheken aufgenommen hatten und jetzt in Verzug geraten sind. Denn der amerikanische Traum wurde aggressiv vermarktet. "Verlier nicht länger Geld mit Miete zahlen!", heißt es dazu in einem typischen Inserat.
Die Zugangsmöglichkeiten für Hochqualifizierte bleiben im Vergleich unattraktiv
Kein Platz für die „best and brightest"
US-Wirtschaft über neues Einwanderungsgesetz enttäuscht
VON LUZIAN CASPAR (WASHINGTON)
Das neue Einwanderungsgesetz, das gegenwärtig im US-Senat beraten wird, wird zwar von gewissen Wirtschaftabranchen unterstützt. Doch andere Branchen sehen keine
Verbesserung im schwer lecken US-Einwanderungssystem.
Steve, ein 45-jähriger Musikhändler aus Washington, ist ein typischer New Yorker Jude: wortgewandt, debattierfreudig, voller Meinungen und Ideen, und nicht scheu, sie zu äußern. Und wie die meisten Juden seiner Generation ist er politisch progressiv. „Wie du weißt, bin ich politisch ziemlich weit links angesiedelt", sagt er. „Aber was die Einwanderungsfrage angeht, bin ich konservativ". ' Eine „Amnestie" wäre ein großer Fehler, meint Steve - obwohl kein Politiker etwas vorschlägt, was auch nur im Entferntesten einer Amnestie gleichen wurde. „Meine Vorfahren wanderten aus Russland ein, weil sie politisch verfolgt wurden. Diese Einwanderer sollen zuerst mal Englisch lernen".
Leute wie Steve sind der Grund, weshalb das neue Einwanderungsgesetz, das gegenwärtig im US-Kongress debattiert wird, den Akzent auf die „Sicherung der Grenzen" legt und die legale Einwanderung, auch wo es um hochqualifizierte Bewerber geht, fast so stiefmütterlich behandelt wie bisher. Denn den Politikern scheint es in erster Linie darum zu gehen, fremdenfeinliche Emotionen zu schüren. Die Interessen der Wirtschaft, die in der Einwanderungsdebatte vom Weißen Haus vertreten werden, kommen deshalb zu kurz.
Die Wirtschaft, oder zumindest ein wichtiger Teil davon, ist über den Gesetzesentwurf, der gegenwärtig im Senat beraten wird, nicht erfreut. Denn die Möglichkeiten der Unternehmen, qualifizierte Ausländer einzustellen, wurden sich unter dem neuen Gesetz nicht wesentlich verbessern, und teilweise sogar verschlechtern.
Die zwölf Millionen illegalen Einwanderer, die es heute laut Schätzungen gibt, sind für die US-Wirtschaft absolut unverzichtbar.
Ohne Einwanderer - vor allem aus Mexiko und Zentralamerika - gäbe es in den US-Supermärkten kein Gemüse, in den Gärten der amerikanischen Bürger nur noch Unkraut, und in den neuen „sub-divisions" (Einfamilienhaus-Siedlungen), die rund um die Städte ständig aus dem Boden schießen, kerne Häuser.
Ein Hauptzweck des neuen Einwanderungsgesetzes besteht deshalb darin, das Problem der illegalen - meist unqualifizierten - Einwanderer zu lösen. Die Arbeitgeber möchten vom Schatten der Illegalität befreit sein (obwohl Razzien gegen Arbeitgeber bisher sehr rat waren). Die Landwirtschaft, die Fleischverarbeiter und andere Branchen sind deshalb vom neuen Gesetz, das das Problem mit einer Mischung gestaffelter Legalisierungsschritte und neuer Gastarbeiter-Programme lösen will, befriedigt. (Weniger erfreut sind sie allerdings über das neue computergestützte Überwachungssystem, das zur Kontrolle der Arbeitgeber aufgebaut werden soll).
Doch die High Tech- und andere Branchen, die auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen sind, sehen ihre Interessen vernachlässigt und schicken sich an, die Phalanx der Gegner des Gesetzes zu verstärken.
Der Grundgedanke des Gesetzes - die wichtigste Reform des US-Einwanderungsgesetzes seit Ronald Reagan's Amnestie von 1986 - besteht zwar darin, die „best and brightest" (besten und intelligentesten) Einwanderer anzulocken, während unqualifizierten Einwanderern mehr und mehr nur noch temporäre Visas gewährt werden sollen. Unter anderem will das Gesetz ein „Verdienst"-System einführen, das potenziellen Einwanderern je nach ihrem Ausbildungsgrad, ihrer beruflichen Erfahrung und ihren Englischkenntnissen eine bestimmte Anzahl von „Punkten" zuweisen würde. Und die Zahl der temporären Arbeitsbewilligungen für Hochqualifizierte (sog. +H-1B+-Visas) soll erhöht werden. (Dieses Jahr wurde das jährliche Maximum bereits am ersten Tag ausgeschöpft).
Doch insgesamt wird das US-Einwanderungssystem auch in Zukunft unqualifizierte Einwanderer bevorzugen und qualifizierte Fachkräfte schlecht behandeln -viel schlechter als Großbritannien, Kanada und andere Industrieländer es tun. Und auch die unqualifizierten Einwanderer aus Lateinamerika, die heute in den USA die Arbeit erledigen, die kein Einheimischer tun will, dürften sich mehr und mehr Behelligungen und Bedrohungen ausgesetzt sehen, wenn der Versuch der Politiker, die Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen, gelingt.
Looks like WS's got a new bear...„Kohle-Goldrausch" in USA?
Amerika will Energie sparen
Der Stromverbrauch in den Vereinigten Staaten steigt bis 2030 um 41 Prozent
LUZIAN CASPAR
"Global Warnung" ist in den USA zu einem heißen Thema geworden. In der Potlitik hat ein Umdenken begonnen, und die Industrie drängt auf Innovationen. Doch der Handlungsspietraum ist begrenzt. Denn der Energiebedarf steigt
Starpower im Kapitol: Vergangene Woche hatte Ex-Vizepräsident Al Gore seinen großen Auftritt vor dem Kongress. John Dingell, der mächtige Vorsitzende des Energieausschusses im Repräsentantenhaus, hatte den Oscar-Preisträger als Hauptzeuge an ein Energje-Hearing eingeladen. Der Abgeordnete aus dem Auto-Staat Michigan hat sich in den letzten paar Wochen in der Klimapolitik vom Saulus zum Paulus gewandelt.
Die Erwartungen an Gores Auftritt - frisch von der Oscar-Preisverleihung und im Heiligenschein Hollywoods - waren hoch. Doch vor dem Kongressausschuss stieß er auf erstaunlichen Widerstand. Joe Barton, ein Gingrich-Republikaner, der im Levinsky-Skandal eine Hauptrolle bei den Impeachment-Versuchen gegen Präsident Clinton spielte, forderte Gore direkt heraus: Viele Behauptungen in Gores Dokumentarfilm „An Inconvenient Truth" seien wissenschaftlich unhaltbar, sagte er, und er drängte den Ex-Senator dazu, dem amerikanischen Volk klar zu sagen, wie hoch er die Benzinverbrauchsvorschriften anzuheben gedenke. (Gore hatte nicht den Mut, eine Antwort zu geben). Eine CO2-Steuer würde den „amerikanischen Familien" schweren Schaden zufügen, sagte Barton. Solange China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk baue, habe es keinen Sinn, in Amerika zu sparen. Und der Emissionshandel, wie man ihn in Europa kenne („cap-and-trade" System), funktioniere nicht und dürfe in Amerika auf keinen Fall ausprobiert werden.
Das Hearing zeigte das Dilemma, vor dem die Amerikaner stehen: Die Realität der Klimaerwärmung wird zwar jetzt größtenteils anerkannt - der Umschwung kam namentlich infolge des Orkans „Katrina" - und im Volk hat ein Umdenken begonnen - namentlich in Kalifornien und in Neuengland - aber die Aufgabe scheint fast unlösbar, denn Amerikas Energiehunger scheint unersättlich zu sein, und Energiesparen ist praktisch unbekannt. Dies gilt nicht nur für den Benzinverbrauch, sondern auch für den Stromverbrauch: Laut dem US-Energieministerium wird der US-Elektrizitätsverbrauch in den nächsten 20 Jahren weiterhin jedes Jahr um mehrere Prozent steigen (bis zum Jahr 2030 insgesamt um 41 Prozent).
Etwa 150 neue Kohlekraftwerke werden gebaut werden müssen, wenn diese Projektionen stimmen. Denn Kohle ist der wichtigste Energieträger in der amerikanischen Stromerzeugung, und ihr Anteil wird laut Energieministerium m den nächsten 20 Jahren weiter steigen (von 50 auf 57 Prozent).
Im Milderen Westen der USA ist gegenwärtig ein eigentlicher „Kohle-Rausch" im Gang. Etwa 40 neue Kohlekraftwerke stehen im Bau oder kurz vor dem Baubeginn - mehr als irgendwann seit den Siebzigerjahren. Kohle ist so aktuell, dass die Chinesen sich überlegen, im Mittleren Westen der USA, wo Kohle nahe an der Oberfläche liegt und leicht abbaubar ist Ländereien zu erwerben. Die Konsequenzen für die Treibhausgas-Emissionen sind natürlich fatal: Jedes einzelne der drei großen neuen Kohlekraftwerke, die gegenwärtig in Texas geplant werden, wird mehr zusätzliches CO2 in die Luft pumpen als alle Emissionen, die aufgrund neu verabschiedeter CO2-Gesetze in den nordöstlichen Staaten der USA eingespart werden dürften.
Denn der Hunger dieser Kraftwerke ist gewaltig: Ein einziges Kraftwerk am Missouri-Fluss, das momentan vor der Vollendung steht, verbraucht jede Stunde 400 Tonnen Kohle. Die mit Kohle beladenen Güterzüge, die jeden Tag auf das Werk zurollen werden, haben eine Länge von zwei bis 2,5 Kilometern. Alternativen gebe es kaum, sagen die Experten. Denn die Wasserkraft-Reserven in den USA sind ausgeschöpft und viele neue Kernkraftwerke dürften kaum gebaut werden, obwohl die Industrie darauf drängt.
Und die Altemativenergien -Wind, Solar etc. - werden laut den Projektionen des Energieministeriums in den nächsten 20 Jahren lediglich von 2,3 auf 3,5 Prozent steigen. Windfarmen werden zwar gebaut und haben in gewissen Gegenden - zum Beispiel im wilden Bergland des Westens von Texas -zu einem eigentlichen Land-Boom geführt aber sie stoßen auf Widerstand, nicht zuletzt aus Naturschutzkreisen. Der einzige Ausweg besteht also darin, Energie zu sparen - Amerikas größte Herausforderung, wie Gore sagt.

"Heu-Schreck-en" als Umweltschützer ?
VON LUZIAN CASPAR
Eine Gruppe von „Private Equlty"-Investoren, angeführt von Kohlberg Kravls Roberts (KKR) und Texas Pacific Group, will die größte Elektrizitätsgesellschaft von Texas, TXU Corp, übernehmen und in Privatbesitz überfuehren, Um politische Widerstände zu überwinden, schlossen die Käufer einen Deal mit Umweltschutzorganisationen.
TXU ist die größte Elektrizitätsgesellschaft in Texas, und auch die meistgehasste. Weil Texas das modernste Stromversorgungsgesetz Amerikas hat, das praktisch den ganzen Strommarkt dereguliert und alle Preiskontrollen aufgehoben hat, hat der Konzern die Stromtarife massiv angehoben. Kunden, die prompt bezahlen, erhalten Rabatte, aber wer nicht bezahlen kann; wird rasch und mitleidslos vom Strom abgeschnitten. „Große Teile unserer Innenstadt sind nachts dunkel", beklagt sich die Bürgermeisterin von Dallas. Das Resultat sind rasch steigende Gewinne: In den letzten drei Jahren hat sich der Aktienkurs von TXU verfünffacht. TXU ist einer der schnellstwachsenden Elektrizitätskonzerne der USA und hat auch in andere Bundesstaaten expandiert.
Elektrizitätsgesellschaften in deregulierten Märkten sind deshalb verlockend. Doch bis heute wurden die Versuche der Buyout-Firmen, Elektrizitaeskonzerne zu
übernehmen, meist abgeschmettert:
Umweltschutzgruppen haben es leicht, gegen neue Kraftwerke Stimmung zu machen, wenn Privatinvestoren involviert sind, die dafür bekannt sind nur am kurzfristigen Gewinn nteressiert zu sein.
Deshalb haben KKR und Texas Pacific, an deren Konsortium auch Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup und Lehman Brothers finanziell beteiligt sind, jetzt einige neue Ideen ins Spiel gebracht, um den zu erwartenden öffentlichen Widerstand zu brechen.
Die Käufer versprechen, die Stromtarife nach der Übernahme um 10 Prozent zu senken und statt elf neuer Kohlekraftwerke, wie angeblich geplant, nur drei zu bauen. Es handelt sich freilich um die drei größten Die Käufer versprechen auch, dass TXU sich nach der Übernahme für ein nationales Emissions-Handelssystem einsetzt (cap-and-trade) und seine Kohlendioxyd-Emissionen bis zum Jahr 2020 auf das Niveau von 1990 senken wird.
Und das Energiesparbudget des Konzerns - das Kunden den Anreiz gibt, mehr Energie zu sparen - soll verdoppelt werden.,Als Alliierte peilte man führende Umweltschutzorganisationen an. Am 14. Februar (St. Valentinstag) erhielt der Präsident des „Environmental Defense Fund" einen Anruf des Chefs von Texas Pacific. Man
wolle ein "gruener" Konzern werden, sagte der Financier. Kritiker zweifeln jedoch an dieser Absicht. Denn die Absicht, elf neue Kohlekraftwerke zu bauen, habe schon seit längerem nur noch auf dem Papier bestanden. Mit dem Verzicht auf acht dieser Werke spart TXU mindestens 10 Mrd. Dollar.
Und wenn der Ausfall nicht durch andere Kraftwerke wettgemacht wird, könnten die Strompreise in Texas kometenhaft steigen, denn der Cowboy-Staat hat erstaunlicherweise fast keine Hochspannungsleitungen, die es erlauben, Strom aus anderen Bundesstaaten zu importieren. Die meisten der Kraftwerke, die TXU jetzt streichen will, waren bereits vorher auf starken öffentlichen Widerstand gestoßen. Die Umweltschutzorganisationen erreichten also lediglich die Kündigung von Projekten, die noch gar nicht bewilligt waren.
Wie wettbewerbsfähig (?) sind die USA?
In dem neuesten Ranking des World Economic Forum (WEF) fielen die USA vom 1.auf den 6. Platz zurück
VON LUZIAN CASPAR (WASHINGTON)
In der neuesten Wettbewerbsfähigkeits-Rangliste des World Economic Forum (WEF) hat die Schweiz Amerika von der Spitze verdrängt. Die USA fielen vom 1. auf den 6. Platz zurück. Wie reagiert man in den USA?
„Verliert Amerika seinen Wettbewerbsvorsprung?", fragte das Wirtschaftsmagazin „Business Week" nach der Publikation der WEF-Studie.
Und Steven Pearlstein, der Wirtschaftskolumnist der „Washington Post", fand die Studie „bedenklich". Doch es sei kein Wunder, dass Amerika „nicht länger die Nummer eins" sei. Die herrschende US-Wirtschaftsphilosophie - anti-Staat, anti-Steuern, anti-Regulierungen - habe in eine Sackgasse gemündet.
Der Hauptgrund für die Herabstufung der USA in der WEF-Studie sind in der Tat die US-Defizite, die es nach Auffassung des WEF den USA verunmöglichen, genug in die Bildung und andere wichtige Infrastrukturaufgaben zu investieren. Ein Problem seien auch die amerikanischen Behörden, die bezüglich Transparenz und Effizienz nicht mehr ganz auf dem Niveau anderer Länder seien. Doch in den US-Medien fand die Studie nur wenig Echo.
Das „Wall Street Journal" attackierte das WEF sogar direkt. Die WEF-Studie sei "Davoser Ökonomie" und reflektiere ein altes Wunschdenken der Europäer, hieß es in einem Kommentar des Blatts. Amerika habe zwar momentan ein Defizit-Problem, aber die Lösung heiße nicht mehr Staat, sondern noch mehr Staatsabbau. Generell herrscht in den USA immer noch die Auffassung, dass Amerika selbstverständlich Nummer eins sei. „Wir setzen den Standard bei der höheren Bildung, bei der Markteffizienz, bei der Innovation und beim geschäftlichen Know-how", heißt es beispielsweise im erwähnten Kommentar des „Wall Street Journal". Anders als in den Achtzigerjahren, als jedermann über die „japanische Gefahr" jammerte und die Denkfabriken reihenweise „Wettbewerbsräte" schufen, herrscht unter den etablierten Ökonomen heute keine Besorgnis, denn die wirtschaftlichen Leistungsdaten - Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenrate, Produktivitätswachstum etc. -sind immer noch gut.
Und die Geschäftsleute nehmen die WEF-Studie zwar zur Kenntnis - ein Absacken um sechs Plätze in einem einzigen Jahr scheint doch bedenklich - , dürften sich jedoch weiterhin reflexartig darauf konzentrieren, niedrigere Steuern und weniger Auflagen zu fordern. Nur eine Berufsklasse hat bereits Alarm geschlagen: Die Wissenschaftler. Sie sehen die Wettbewerbsfähigkeit Amerikas ernsthaft bedroht. Denn entscheidend für die zukünftige Konkurrenzfähigkeit sei die Innovationskraft in der Forschung, und diese sei heute in Amerika in Gefahr.
„Amerikas stille Krise", hat Tom Friedman das Problem genannt. Die amerikanische Führungsstellung in der Forschung sei am Erodieren. „Unsere Vorherrschaft ist nicht mehr selbstverständlich", konstatierte die „Task Force on the Future of Innovation" letztes Jahr.
Andere Länder, von Europa bis Asien, seien im Begriff, die USA zu überholen. Amerika sei zwar immer noch führend, aber die Vorherrschaft in Wissenschaft und Technik schmelze rasch dahin. Den Hauptgrund orten die Experten im Schulsystem: Die Qualität des Mathematikunterrichts an den High Schools (Gymnasien) sei bedenklich, und die Colleges würden nicht genug Naturwissenschaftler ausbilden. Während es in den USA 70000 Ingenieurstudenten gibt, sind es in Indien 350 000 und in China sogar 600 000, wie ein berühmt gewordener Bericht der „National Academy of Sciences" eruiert hat.
„Amerika produziert einfach nicht genug einheimische Naturwissenschaftler", klagt Craig Barrett, der Vorsitzende des Intel-Konzerns. Ein Grund dafür sei der desolate Zustand der naturwissenschaftlichen Grundausbildung. Das Primär- und Sekundarschulwesen in den USA sei miserabel. Nach dem zwölften Schuljahr seien die amerikanischen Schüler im Durchschnitt unter den schlechtesten zehn Prozent der Welt. „Sie mögen zwar kritisch denken können, aber das Einmaleins beherrschen sie nicht".
Bei den Patenten sind die USA zwar immer noch führend, aber in der Zahl der wissenschaftlichen „papers" sind die USA bereits Mitte der Neunzigerjahre von Europa überholt worden, und China holt seither mächtig auf.
In der Physik zum Beispiel ist der US-Anteil, der einst über 80 Prozent betrug, auf unter 30 Prozent gefallen. Selbst bei den Nobelpreisen ist der amerikanische Anteil auf 50 Prozent gesunken. Lange Zeit wurde der Rückgang dank der Tatsache aufgeschoben, dass die USA so viele Studenten aus dem Ausland anzogen.
Im Jahr 2001 zum Beispiel stammten 57 Prozent aller „post-doc-Studenten" in den USA aus dem Ausland. Doch jetzt kommen weniger dieser Talente in die USA. Die Zahl der asiatischen Doktoranden überschritt Mitte der Neunzigerjahre ihren Höhepunkt.
Und viele Absolventen, die früher in den USA blieben, kehren jetzt in ihr Heimatland zurück, weil ihre Karrierechancen dort heute gleich gut oder besser sind. Man spricht von einem „umgekehrten Brain Drain". Vor allem Inder und Chinesen haben heute in ihren Heimatländern bessere Chancen. Und in Europa, Singapur, Japan usw. finden Wissenschaftler, die in den USA ausgebildet wurden, heute oft bessere Voraussetzungen als in den USA -hauptsächlich, weil dort mehr Geld vom Staat investiert wird.
Und damit sind wir wieder bei der WEF-Analyse: Es scheint tatsächlich zu stimmen, dass die USA - die Nation, nicht die Unternehmen und deren Aktionäre - bei der Verteidigung ihrer Vormachtstellung durch die Staatsdefizite und die Schwäche der öffentlichen Institutionen gehemmt werden.
Bereits die Instandhaltung der elementarsten Infrastrukrur -Straßen, Brücken, von Eisenbahnen gar nicht zu reden - scheint über die Kräfte der US-Bundesund Lokalregierungen zu gehen „Wie ein Land seine Finanzen handhabt, spielt eben eine Rolle", wie der Chefökonom des WEF an einer Pressekonferenz sagte. Und andere Länder kümmern sich wesentlich ernsthafter um die staatliche Förderung von Wissenschaft und Forschung. „Die Bundes-Investitionen in den Naturwissenschaften haben mit den Bedürfnissen einer Wissensgesellschaft nicht Stand gehalten", konstatiert eine Task Force.
Letztes Jahr soll sich die Situation zwar wieder leicht verbessert haben. Und talentierte junge Amerikaner beginnen jetzt, auf Karrieren in Europa oder Asien zu schielen. Der Rest der Welt holt auf, und Amerika schläft - oder mokiert sich über die „Davoser Ökonomie".
Das Geschaeft mit der Angst
David Brooks ist, oder war bis vor kurzem, Chef der „DHB Industries", eines Herstellers kugelsicherer Westen. Im letzten Herbst machte er weltweit Schlagzeilen, weil er für das „Bat Mitzvah" (jüdische Konfirmation) seiner Tochter im berühmten „Rainbow Room" ein Fest arrangierte, wie man es selbst in New York noch selten gesehen hat.
Brooks ist nur ein Extrembeispiel für den Boom, der in der Rüstungs- und Sicherheitsindustrie in den letzten fünf Jahren ausgebrochen ist. Namentlich die Sicherheitsbranche hat seit den Terroranschlägen in New York einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Denn Sicherheit hat seit dem 11. September überall Priorität -nicht nur in der Regierung, sondern auch in der Privatwirtschaft.
Der Boom erstreckt sich sowohl auf die Hardware- wie die Software-Branchen: hochleistungsfähige Überwachungsanlagen für Flughäfen und Häfen, Sensoren, die radioaktive Strählung in 'Containern aufspüren, Infrarot-Monitore für den Schutz von Fabriken etc. Und auf der Software-Seite das ganze Gebiet der „Cybersecurity" - Schutz von Internet-Zugängen und digitalen Datensammlungen vor Hackern und Terroristen.
Vor allem Banken und Versicherungen haben in den letzten Jahren Millionen ausgegeben, um sich vor physischen oder digitalen Attacken zu schützen. Und Auslagen für die Sicherheit werden viel weniger kritisch geprüft als andere Ausgabenposten, sowohl beim Staat wie in der Privatindustrie. Denn wenn es um Sicherheit geht, sind kritische Fragen meist verpönt.
Der Goldrausch begann mit der Schaffung des Ministeriums für „Homeland Security" - oder zumindest hoffte man dies in der Geschäftswelt. Denn das neue Ministerium wurde gleich von Anfang an mit einem Budget von 30 Milliarden Dollar ausgestattet. Und selbst dies ist nur etwa die Hälfte aller Bundesausgaben für „Sicherheit". Die Gesamtausgaben für Sicherheit im US-Bundesbudget haben sich seit dem Jahr 2000 auf zirka 50 Mrd. Dollar verdreifacht. Jede Menge neuer Initiativen wurden gestartet: „US-Visit" (Überwachung der Besucher und Touristen, die in die USA einreisen), „American Shield" (Schutz der Grenzen) oder „Project Bioshield" (biologische Terrorattacken).
Die Lobbyisten der Rüstungs- und Computerindustrie leckten sich die Lippen, vor allem die so genannten „Beltway-Banditen" (Lobbyisten für die größten Rüstungskonzerne). Denn während alle anderen Bundesausgaben eingefroren sind, steigen die Budgets für Rüstung und „Homeland Security" stetig an. Letztes Jahr schrieb das Ministerium für Homeland Security mehr als 30 Aufträge mit einem Wert von 100 Millionen Dollar oder mehr aus, und ein Auftrag im Wert von 500 Mio. war geplant. Tatsächlich vergeben wurden letztes Jahr Aufträge für elf Mrd. Dollar.
Der Boom in der Rüstungs- und Sicherheitsbranche ist der Hauptgrund dafür, weshalb die Region Washington in den letzten Jahren alle übrigen US-Regionen wirtschaftlich überholt hat: Inzwischen sind fünf der sieben reichsten „counties" (Verwaltungsbezirke) Amerikas Vororte von Wa¬shington, wie das „Census Bureau" soeben ermittelt hat.
Kritiker haben gewarnt, infolge der Ereignisse des 11. Septembers könnte es in den USA zu einem neuen „Sicherheitsindustriellen Komplex" kommen. Fast der einzige Faktor, der den Boom bremst, ist der Mangel an Fachleuten mit einer „security clearance" - eine -Bescheinigung der Behörden, dass der Bewerber kein Sicherheitsrisiko darstellt.
Oft dauert es mehr als zwei Jahre, bis ein Ingenieur oder Software-Programmierer eine solche Bescheinigung erhält. Gesamtwirtschaftlich ist der Nutzen des Booms fraglich. Denn oft profitieren die Sicherheits-Firmen nur auf Kosten anderer Branchen, und oft ersetzt das neue Geschäft nur etwas, was zuvor entgangen war.
In vielerlei Hinsicht ist der Boom bestenfalls ein Nullsummenspiel. Und wie jedes „goldene Zeitalter" bringt die „post-9/11 world" unschöne Nebenerscheinungen mit sich, wie der Fall Brooks zeigt.
Brooks ist übrigens inzwischen entlassen worden. Denn der Aktienkurs seiner Firma ist abstürzt, und gegen ihn lauf eine Untersuchung der Börsenaufsichtsbehörde SEC wegen Insiderhandels und möglichen Betrugs.
konservativ
VON LUZIAN CASPAR (WASHINGTON)
Der Skandal um die „Rückdatierung" von Aktienoptionen hat die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC („Securities and Exchange Commis-sion") gezwungen, öffentlich aktiv zu werden. Aber der Vorsitzende der Behörde, Christopher Cox, hat andere Prioritäten.
Europäische Konzerne, die sich über das „Sarbanes-Oxley"-Gesetz ärgern, haben in Christopher Cox einen Alliierten. Denn der knapp 55-jährige, stramme Anwalt, der seit einem Jahr der amerikanischen Wertpapierbehörde vorsteht, ist wirtschaftspolitisch ein Konservativer, der nicht an die Vorzüge staatlicher „Regulierung" glaubt und lieber so viel wie möglich dem Markt überlässt. Konsumentenschützer warnten bei seiner Ernennung, Cox sei ein Freund der Wirtschaft und schere sich wenig um den Schutz der Sparer. Als SEC-Chef werde Cox sich vermutlich „wie der Fuchs im Hühnerstall" aufführen. In seinen 17 Jahren als Kongressabgeordneter habe sich Cox konsequent auf die Seite der Wirtschaft und der Banken gestellt und die Interessen der Anleger und Sparer ignoriert, schrieb Joan Claybrook, die Präsidentin der Konsumentenschutz-Organisation „Public Citizen". Als SEC-Chef sei Cox deshalb „disqualifiziert".
Tatsächlich ist Cox ein wichtiger Repräsentant der konservativen Revolution, die Amerika seit den Achtzigerjahren langsam aber sicher überrollt hat. Der hochintelligente Harvard-Absolvent, der gleichzeitig knallhart und vorsichtig sein kann, wird mit John Roberts verglichen, dem ebenfalls hochintelligenten, aber seltsam zurückhaltenden Juristen, den Präsident Bush letztes Jahr zum Obersten Bundesrichter machte, tn der Tat würde es nicht überraschen, wenn Cox nach seinem Abstecher zur SEC im Obersten Gerichtshof landen würde - die konservative Zeitschrift „National Review" schlug ihn bereits im letzten Herbst als Bundesrichter vor. Denn Cox ging wie Roberts durch die Harvard-Schmiede - er schloss gleichzeitig an der Harvard Law School und der Harvard Business School ab und war wie Roberts eine Zeitlang Redakteur der „Harvard Law Review". Wie Roberts begann er seine Karriere als junger Anwalt im Weißen Haus unter der Reagan-Administration.
Auf einem Kongress konservativer Politiker vor einem Jahr besorgte Cox die Einführung von Hauptredner Dick Cheney und behauptete, im Irak würden „laufend Massenvernichtungswaffen gefunden". Kein Wunder gilt Cox, der am Morgen des 11. September mit Rumsfeld im Pentagon war, als ein Liebling der neokonservativen Riege um Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz.
Im Kongress, wo er 17 Jahre lang einen Distrikt aus Kalifornien vertrat und dabei reichlich Gelegenheit hatte, die Hightech- und Venturekapitalfirmen zu begünstigen, für die er zuvor als Partner einer Anwaltsfirma gearbeitet hatte, hinterließ er vor allem zwei Gesetze (1995 und 1998), die beide zum Zweck hatten, Sammelklagen gegen Industriekonzerne, Spitzenmanager und Revisoren zu erschweren. Er setzte auch seine ganzen Juristenkünste ein, um gewisse Reformen der US-Buchhaltungsregeln (Financial Accounting Standards Board) zu verzögern oder zu torpedieren. Cox war auch eine treibende Kraft in der Kampagne zur Abschaffung der Erbschaftssteuer.
Bis jetzt haben sich die Befürchtungen über den neuen SEC-Chef nur bedingt bestätigt. In seinem ersten Amtsjahr ist Cox vor allem durch seine Vorsicht aufgefallen. In den meisten Fällen entschied er sich, Entscheide hinauszuzögern; seine Karten hielt er verdeckt. Das „Sarbanes-Oxley"-Gesetz hat Cox bisher nicht attackiert, sondern sich darauf beschränkt, den Unternehmen - namentlich den ausländischen, die drohen, die Notierung an den US-Börsen rückgängig zu machen - mehr Zeit einzuräumen. Die Strafen an Banken und Unternehmen will Cox zwar reduzieren, aber bisher kam dies erst in einem Fall zum Tragen. Und in der Debatte um die Registrierung der Hedge Funds hielt sich Cox lange bedeckt. Die Hauptaufmerksamkeit des Vorsitzenden galt bisher dem Ziel, die Selbstständigkeit seiner Beamten zu beschneiden. Unter Cox' Vorgänger William Do-naldson hatten die SEC-Anwälte sich frei gefühlt, Untersuchungen weitgehend nach eigenem Gutdünken zu starten, aber diesem „Aktivismus" will Cox jetzt ein Ende bereiten.
Zunehmendes Interesse für Alternativenergien: Privatleute und Unternehmen engagieren sich immer mehr
VON LUZIAN CASPAR (WAHSINGTON)
Amerika werde „grün", schrieb Newsweek vor kurzem. Vor allem die Wirtschaft habe jetzt ernsthaft mit Energiesparen begonnen. Tatsächlich ist die Energie-Abhängigkeit in der US-Öffentlichkeit jetzt zu einem Thema geworden.
„Steve, warum lässt du eigentlich deine Klimaanlage immer so kalt laufen?" - „Weil das mein Recht ist", antwortet der gut 40-jährige Blues-Liebhaber, der in einem bescheidenen Häuschen in der Vorstadt lebt und einen leicht verbeulten Honda fährt. „Im Sommer ist das mein kleiner Luxus." Damit drückt der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende, College-gebildete Bibliothekar etwas aus, was tief zum amerikanischen Lebensgefühl gehört, zumindest seit rund 50 Jahren: Wir leben im Überfluss, wir müssen an nichts sparen.
Schon in den siebziger Jahren war das erste, was einem Besucher aus Europa in Amerika auffiel, die unglaubliche Verschwendung: Die fast karton-dicken Papiertüten, die man in jedem Laden erhält, wenn man auch nur das kleinste Brötchen gekauft hat, oder die Tatsache, dass der „Grey-hound"-Chauffeur, wenn der Bus an einer Raststätte 20 Minuten anhält, die Klimaanlage auf vollen Touren laufen lässt, oft mit offener Türe.
Jetzt könnte sich dies vielleicht ändern. Wenn auch oft noch zaghaft, beginnen mehr und mehr Amerikaner zu entdecken, dass Energie nicht unbegrenzt ist und man mit natürlichen Ressourcen sparsam umgehen sollte. Robert, ein junger Mann, der sich schon seit langem für die Umwelt interessiert und in diesem Sommer einen Kurs für „umweltbewusstes Anlegen" lanciert hat, meldet gute Nachfrage für seinen Kurs.
Die „Foundry"-Kirche in Washington hat soeben eine „Umwelt-Mission" gestartet, und John, der in der Segelmarina von Washington die Nachtwache besorgt, hat den Thermostat in seiner Wohnung weit nach oben geschraubt und meint: „Dieser Benzinverschleiß auf unseren Straßen muss aufhören. Die Regierung muss etwas unternehmen".
Die Experten gehen damit einig: „Amerikas extreme Abhängigkeit vom Öl ist eine unannehmbare Bedrohung der nationalen Sicherheit und unseres Wohlstands", schrieben zwei angesehene Experten (Frederick Smith und P.X. Kelley) vor ein paar Tagen in der „Washington Post".
Klar ist, dass das Bewusstsein sich geändert hat. Auslöser waren nicht nur die steigenden Benzinpreise, sondern auch die „Katrina"-Katastrophe in New Orleans vor einem Jahr. Niemand bezweifelt mehr, dass das globale Klima sich erwärmt - AI Göre's jüngster, sensationeller Dokumentarfilm „An Inconvenient Truth" bestätigt nur die schlimmsten Befürchtungen. Nur die Regierung versucht ein Stück weit nach wie vor, den Konsens der Wissenschaftler zu leugnen. Das Schmelzen der Gletscher und arktischen Eismassen hat in den letzten paar Wochen in den Medien großes Echo gefunden - es scheint, dass plötzlich jedermann anerkennt, dass die Entwicklungen in der Natur unter Umständen qualitative Sprünge machen können. Viele Amerikaner sind religiös, und
die Sorge um die Schöpfung, deren „Pflege" nach gewissen biblischen Auffassungen die Aufgabe des Menschen ist, ist jetzt sowohl in linken wie in konservativen Kirchen zu einem Thema geworden.
Und daneben spielt natürlich das Selbstinteresse: Bei Benzinpreisen von über drei Dollar pro Gallone sind viele Amerikaner nervös geworden, und die totale Abhängigkeit vom Auto macht Angst.
Energiesparen ist deshalb salonfähig geworden, und in gewissen Kreisen sogar chic. Die Führungsrolle spielt dabei nicht der Staat, sondern die Wirtschaft. Wenn neue Geschäftshäuser gebaut werden, lautet der Auftrag an die Architekten jetzt nicht selten, ein „grünes" Gebäude zu entwerfen. Stararchitekten wie Norman-Foster sind auf den Zug aufgesprungen.
In einem noch in Planung befindlichen neuen Wolkenkratzer der Bank of America sollen die Küchenabfälle des Personalrestaurants kompostiert werden und in Form von Methangas die Hälfte des Elektrizitätsbedarfs decken. Wichtiger ist, dass die hohen Benzin- und Erdgaspreise jetzt mehr und mehr Unternehmen zwingen, Energie zu sparen, ganz unabhängig davon, ob dies nun„in" ist oder nicht.
Denn der Blick auf die „bottom line" (Gewinn) erheischt es. Sogar Walmart will seinen „ökologischen Fußabdruck" (carbon footprint) in den nächsten sieben Jahren um 20 Prozent reduzieren. Der Superdiscounter hat zum Beispiel begonnen, für Spielzeuge etc. kleinere Kartonboxen zu wählen.
(Endlich kann man einen Teddybär auspacken, ohne kubikmetergroße Schachteln zu zertrümmern und meterlange Luftblasenschläuche durchs Zimmer zu wirbeln). Dies allein soll pro Jahr 3,5 Millionen Dollar an Transportkosten einsparen und - nach Wal-mart's Kalkulation - 5 000 Bäume vor der Axt retten.
Es gehe um einen „Kampf um die Seele der amerikanischen Wirtschaft", schrieb das Newsweek-Magazin vor kurzem in einer Titelgeschichte. Wenn die Privatunternehmen in großem Stil beginnen sollten, Energie zu sparen, dann könnte dies in der Tat gewaltige Auswirkungen haben. Der Anteil der erneuerbaren Energien am US-Energieverbrauch, der seit dreißig Jahren unverändert bei rund sechs Prozent liegt, könnte deutlich zu steigen beginnen.
Weil die Fossil-Energien knapp werden, könnte der Markt tatsächlich spielen. Vielleicht das deutlichste Zeichen, dass in der Wirtschaft ein Umdenken eingesetzt hat, ist die Tatsache, dass jetzt auch Wallstreet die Alternativenergien entdeckt hat.
Die Brokerhäuser lancieren immer mehr „grüne" Fonds, die „Hedge Funds" haben sich ins Spiel eingeschaltet, und die Investmentbanken haben begonnen, auf eigene Faust in Alternativenergien zu investieren. Goldman-Sachs zum Beispiel beteiligt sich direkt an Wind- und Solarenergie-Firmen, und J.P. Morgan, Merrill Lynch etc. tun das gleiche.
Denn laut einer Schätzung von Credit Suisse hat sich der weltweite Börsenwert der Sonnenenergie-Firmen in den letzten zwölf Monaten verdreißigfacht (auf 27 Milliarden Dollar).
Nicht zuletzt Star-Investoren haben die „grünen" Energien (inkl. Ethanol) entdeckt, wie „Business Weck" vor kurzem meldete. Warren Buffett, Bill Gates, Steve Gase, „Virgin"-Boss Richard Branson, Tech-Guru Paul Allen und die „Google"-Gründer Larry Page und Sergey Brin haben alle in Alternativenergien investiert, manchmal hunderte von Millionen Dollar. Das „smart money" hat offensichtlich etwas gerochen. Ein großer Teil des Geldes wird allerdings in Übersee investiert, nicht in den USA, denn die USA liegen bei den Alternativenergien weit hinter anderen Nationen.
In der Gezeiten-Energie zum Beispiel spielt sich fast die ganze Forschung in Europa ab (vor allem in Großbritannien); die USA sind praktisch nicht präsent. Dies, obwohl Präsident Bush in seiner letzten „State of the Union"-Rede versprochen hat, die Erforschung von Alternativenergien staatlich zu fördern.
Die Mühe Amerikas, mit Energie vernünftig umzugehen, ist letztlich ein kulturelles Problem, nicht eine Management-Aufgabe. Die Energieverschwendung, die die „Zukunft Amerikas bedroht", wie Experten sagen, wird erst ein Ende nehmen, wenn ein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden hat - wenn Steve seine Klimaanlage tiefer schaltet, auch wenn er ein „Recht" auf seinen „Luxus" hat.




