Samedi 14 octobre 2006
Der missverstandene Nobelpreisträger
New York - Viele hatten damit gerechnet: Dass Edmund Phelps für seine wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten in diesem Jahr den Wirtschaftspreis zum Andenken an Alfred Nobel erhält, kommt nicht überraschend. Schon mehrfach hat die Königlich-Schwedische Akademie andere Ökonomen für deren Grundsatzforschung zur Marktwirtschaft ausgezeichnet - etwa den Gleichgewichtstheoretiker Kenneth Arrow oder den Erforscher des Wachstums, Robert Solow.
In ihrer Begründung für die Preisverleihung fasste die Schwedische Akademie den vermeintlichen Kern seiner Forschung mit folgenden Worten zusammen: "Die langfristige Rate der Arbeitslosigkeit ist nicht von der Inflationsrate bestimmt, sondern durch die Arbeitsmärkte. Stabilisierungspolitik kann nur die kurzfristigen Fluktuationen der Arbeitslosigkeit beeinflussen."
Angesichts der andauernd hohen Arbeitslosigkeit gerade in vielen Ländern Europas ist diese Einschätzung gleich aufgegriffen, oft wiederholt und kritisch auf den "alten Kontinent" und Länder wie Deutschland und Frankreich bezogen worden. Phelps wurde als strikter Angebotstheoretiker und als Erfinder des Gesetzes von der "natürlichen Arbeitslosenquote" (In 1968, Milton Friedman, leader of the monetarist school of economics, and Edmund Phelps posited a unique full employment rate of unemployment, what they called the "natural" rate of unemployment. But this is seen not as a normative choice as much as something we are stuck with, even if it is unknown. Rather than trying to attain full employment, Friedman argues that policy-makers should try to keep prices stable (a low or even a zero inflation rate). If this policy is sustained, he suggests that the economy will gravitate to the "natural" rate of unemployment automatically.) dargestellt, deren Unterschreiten zwangsläufig zu einer Beschleunigung der Preissteigerung führe. (i.e. normalerweise unter der 4% -Arbeitslosenquote)
Glaubt man diesen Darstellungen, dann steht der frisch gebackene Nobelpreisträger Phelps für folgende Thesen:
* Allein die unflexiblen Arbeitmärkte sind Ursache der Arbeitslosigkeit.
(P.-V. hat i.a. nichts gegen diese Aussage einzuwenden, aber?, aber?, aber?)
* Eine langfristige Senkung der Arbeitslosigkeit geht immer mit einer höheren Inflationsrate einher. (Oder auch umgekehrt...)
* Eine aktive Arbeitsmarktpolitik von staatlicher Seite oder Versuche der Notenbank, eine Senkung der Arbeitslosenrate zu verfolgen, sind zwecklos und sogar schädlich.
(hiermit wird in diesem Falle der Begriff 'strikter Angebotstheoretiker' klar bestaetigt...)
Zum anderen hat er auch aufgezeigt, dass die Funktionsweise von Arbeitsmärkten sehr wohl durch aktive Eingriffe von staatlicher Seite verbessert werden kann. Eines seiner jüngeren Werke heißt denn auch "Rewarding Work" - ein doppeldeutiger Titel, den man zugleich mit "Wie man Arbeit belohnt" und "Erfüllende Arbeit" übersetzen könnte.
"Lasst ihnen den Wohlfahrtsstaat" (auf jeden Fall...)
In diesen neueren Arbeiten zeigt Phelps, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Europa nicht primär durch einen rigiden Arbeitsmarkt, strengen Kündigungsschutz und durch die Wirkungen des Wohlfahrtsstaats verursacht wurde - sondern viel eher durch mangelhafte Unternehmensdynamik und Innovation.(P.-V. teilt hier nicht dieselbe Auffassung. Die Unternehmensdynamik und Innovation sind sicherlich vorhanden, am meisten mangelt es jedoch, und das ist P.-V.'s Meinung, bei weitem an 'politischer', 'sozialer' sowie 'wirtschaftlicher' Mobilitaet...). Als Phelps jüngst bei einem Auftritt an der Columbia-Universität in New York gefragt wurde, ob der Wohlfahrtsstaat das Problem Europas sein, antwortete er lakonisch: "Ich glaube das nicht. Lasst die Europäer ihren Wohlfahrtsstaat haben."
Phelps' Arbeiten zur "natürlichen Arbeitslosenquote" richteten sich gegen die in der Politik jener Zeit verbreitete Annahme, dass man die Arbeitslosenquote problemlos senken könne - wenn man im Gegenzug eine höhere Inflation in Kauf nehme (diese Annahme darf man, sogar als Politiker, nicht blindlings vertreten...denn es haengt ja schliesslich davon ab z.B. wo genau Inflation be- und entsteht, inwiefern die Inflation den Konsum einschraenkt etc. etc. etc....Inflation kann ja auch tiefverwurzelte gesellschaftliche 'Urspruenge' haben...ergo, d.h. i.a. Parameteranzahl -> ad eternum...) . Diese Idee, dass man sich politisch entweder für Inflation oder für Arbeitslosigkeit entscheiden könne, fand ihren Ausdruck in einem Ausspruch, der dem ehemaligen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler (und Volkswirt) Helmut Schmidt (SPD) zugeschrieben wird: "Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." (...dann aber kurzfristig gesehen, denn wie jeder es weiss, ist eine natuerliche Tugend der Politik, leider, die Kurzsichtigkeit und nicht die langersehnte Weitsichtigkeit... siehe oben)
Phelps selbst hat in den vergangenen 15 Jahren politische Vorschläge vorbereitet, um die Langzeitarbeitslosigkeit zu verringern. Denn die Politik, das zeigt er, steht diesem Problem keineswegs machtlos gegenüber. (Die Politik muss sich im Klaren sein, wo genau es die Energie buendeln muss, damit es die hoechsten 'Wirkungsgrade' erreichen kann, und dies geht hauptsaechlich nur ueber eine klare, ehrliche Dialogfuehrung und Konsensbereitschaft...)

